Positionspapier der IG gesunder Boden :

Kann die Landwirtschaft unser Klimaproblem lösen?

Interessengemeinschaft gesunder Boden“ nimmt Stellung zur Diskussion um CO2-Zertifikate in der Landwirtschaft.

In jüngster Zeit wird immer mehr mit privatwirtschaftlichen CO2-Zertifikaten gehandelt, die Humusaufbau auf heimischen Äckern als CO2-Kompensationsmaßnahme anbieten und auch die Politik zieht CO2-Zertifikate auch für die Landwirtschaft in Betracht.

Diese Maßnahme geht unserer Ansicht nach jedoch in eine gefährliche Richtung, die wir ausgesprochen kritisch sehen. Eine Ökonomisierung von Einzelfaktoren, wie der langfristigen Kohlenstoffspeicherung in Böden im landwirtschaftlichen System, bewirkt aus unserer Sicht keine umfassende, ökologische Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und birgt sogar die Gefahr der Bodenverschlechterung.

Wir von der „Interessengemeinschaft gesunder Boden“ fördern den Wissensaustausch zum Aufbau von gesunden Böden als Grundlage für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen. Humusaufbau ist dabei ein ganz wesentlicher Beitrag zu gesunden und widerstandsfähigen Agrarökosystemen.

Humusaufbau – richtig gemacht – fördert das Bodenleben, eine ausgewogene Pflanzenernährung und wirkt sich positiv auf Bodenstruktur und Stoffaustausch aus. Humusaufbau als technisches Tool zur Kompensation von CO2-Emissionen aus anderen Branchen, geht unserer Meinung jedoch in die falsche Richtung. Eine derartige Herangehensweise reduziert den Humusaufbau auf eine Klimakompensationsmaßnahme und das ist in keiner Weise zielführend. Schaut man beim Humusaufbau nur auf die im Boden möglichst lange und stabil gespeicherte Menge an Kohlenstoff, so wird vollkommen ausgeblendet, dass die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und der Ökosystemleistungen von Böden ein komplexes System von Aufbau- und Abbauprozessen ist und in erster Linie vom Bodenleben abhängt. Dieses wiederum ist von der Humusqualität abhängig und diese wird mit dem Einbringen und Speichern möglichst stabiler Kohlenstoffkomponenten, wie zum Beispiel pyrolysierte Pflanzenkohle, nicht erhöht. Je stabiler kohlenstoffhaltige Substanzen im Boden sind (was eine wesentliche Voraussetzung für einen Klimaeffekt wäre) desto weniger geeignet sind sie für die Ernährung von Bodenorganismen. Pflanzenkohle birgt davon abgesehen auch Schadstoffpotenziale, da im Pyrolyseprozess Schadstoffe entstehen können.

Wir befürworten daher Humusaufbauprogramme, die das Bodenleben, die Bodenfruchtbarkeit und die Ökosystemleistungen von Böden gleichermaßen fördern und damit eine klimaresiliente Landwirtschaft ermöglichen. Hier halten wir vor allem eine Reduzierung der äußerst klimaschädlichen mineralischen Stickstoffdüngung (nach Haber-Bosch-Verfahren) für notwendig. Darüber hinaus befürworten wir Maßnahmen, wie weite Fruchtfolgen und Zwischenfruchtanbau, die Anwendung von Qualitätskompost, das Anlegen von Agroforstsystemen und Permakultur in Humusaufbauprogrammen. Diese sollten unter fachlicher Beratung von Bodenexperten durchgeführt werden.

Einer Einführung und Förderung der Vergütung von quantitativen Kohlenstoffspeicherungs-Zielgrößen stehen wir daher sehr kritisch gegenüber. Das Klimaargument darf nicht zu einer Beeinträchtigung der Bodengesundheit, und damit der Gesundheit von Wasser, Pflanzen, Tiere und Menschen, führen.

Positionspapier der IG gesunder Boden e. V. zum CO2-Zertifikate-Handel in der Landwirtschaft „Humusaufbau für die Bodenfruchtbarkeit, nicht zur Klimarettung!“

Positionspapier der IG gesunder Boden e. V. „Gesunder Boden aus unserer Sicht“

www.ig-gesunder-boden.de/Presse/Positionspapiere

Bewertung seitens der Wissenschaft

Thünen-Studie zur Klimaschutzpolitik im Agrarsektor 2012:

thuenen.de/media/publikationen/landbauforschung-sonderhefte/lbf_sh361.pdf

Aus dem Thünen-Bodenzustandsbericht 2018:

thuenen.de/media/institute/ak/Allgemein/news/Bodenzustandserhebung_Landwirtschaft_Kurzfassung.pdf

Wissenschaftliche Stellungnahme des Thünen-Institutes zur 4-Promille-Iniative:

thuenen.de/media/institute/ak/Allgemein/news/Thuenen_Working_paper_112_4Promille_Initiative.pdf

Studie „CO2-Zertifikate für die Festlegung atmosphärischen Kohlenstoffs in Böden: Methoden, Maßnahmen und Grenzen“ im BonaRes Projekt:

literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn062163.pdf

ENGLISH VERSION:

Position Paper of the “IG gesunder Boden” (Interest group for healthy soil e. V.) :

Can agriculture solve our climate problem?

“Interessengemeinschaft gesunder Boden” takes a stand on the discussion about CO2 certificates in agriculture.

Recently, more and more private CO2 certificates have been traded, which offer humus growth on domestic fields as a CO2 compensation measure. Politicians are also considering CO2 certificates for agriculture.
In our opinion, however, this measure goes in a dangerous direction, which we view with extreme criticism. In our view, economizing on individual factors, such as long-term carbon storage in soils in the agricultural system, does not bring about a comprehensive, ecological improvement in soil fertility and even carries the risk of soil degradation.
We from the “Interessengemeinschaft gesunder Boden” (Interest Group for Healthy Soil) promote the exchange of knowledge on the development of healthy soils as a basis for healthy plants, animals and humans. The development of humus is a very important contribution to healthy and resistant agro-ecosystems.

Humus build-up – done right – promotes soil life, balanced plant nutrition and has a positive effect on soil structure and material exchange. However, in our opinion, humus build-up as a technical tool to compensate for CO2 emissions from other industries is going in the wrong direction. Such an approach reduces the humus build-up to a climate compensation measure and this is in no way target-oriented. If one looks only at the amount of carbon stored in the soil as long and stable as possible, it is completely ignored that the preservation of soil fertility and the ecosystem services of soils is a complex system of building and decomposition processes and depends primarily on soil life. This in turn depends on humus quality, which is not increased by the introduction and storage of stable carbon components, such as pyrolysed vegetable carbon. The more stable carbon-containing substances are in the soil (which would be an essential prerequisite for a climate effect), the less suitable they are for feeding soil organisms. Apart from this, vegetable carbon also has a potential for pollutants, as pollutants can be produced in the pyrolysis process.

We therefore advocate humus building programs that promote soil life, soil fertility and the ecosystem services of soils in equal measure, thus enabling climate-resilient agriculture. In this respect, we consider it necessary, above all, to reduce the use of mineral nitrogen fertilization (using the Haber-Bosch process), which is extremely harmful to the climate. In addition, we advocate measures such as wide crop rotations and intercrop cultivation, the use of quality compost, the establishment of agroforestry systems and permaculture in humus building programs. These should be carried out with the advice of soil experts.
We are therefore very critical of the introduction and promotion of compensation for quantitative carbon storage targets. The climate argument must not lead to an impairment of soil health, and thus the health of water, plants, animals and humans.

Position paper of the IG gesunder Boden e. V. on the CO2 certificate trade in agriculture “Humus build-up for soil fertility, not for saving the climate!

Position paper of the IG gesunder Boden e. V. “Healthy soil from our point of view
www.ig-gesunder-boden.de/Presse/Positionspapiere

Evaluation by the scientific community

Thünen study on climate protection policy in the agricultural sector 2012:
thuenen.de/media/publikationen/landbauforschung-sonderhefte/lbf_sh361.pdf

From the Thünen soil condition report 2018:
thuenen.de/media/institute/ak/Allgemein/news/Bodenzustandserhebung_Landwirtschaft_Kurzfassung.pdf

Scientific statement of the Thünen-Institute on the 4-Promille-Iniative:
thuenen.de/media/institute/ak/Allgemein/news/Thuenen_Working_paper_112_4Promille_Initiative.pdf

Study “CO2 certificates for the determination of atmospheric carbon in soils: methods, measures and limits” in the BonaRes project:
literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn062163.pdf